Die
Famille Kurzweil
Der
nachstehende Text ist mit freundlicher Genehmigung des
Verlags CLIO entnommen dem Buch:
ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus. Christian
Ehetreiber, Heimo Halbrainer, Bettina Ramp: Der Koffer
der Adele Kurzweil. Auf den Spuren einer Grazer jüdischen
Familie in der Emigration. Graz (CLIO) 2001, S. 21-40. |
Heimo
Halbrainer
Graz-Paris-Montauban-Auschwitz.
Stationen eines kurzen Lebens
Biographische
Skizzen zur Familie Bruno, Gisela
und Adele Kurzweil
Am
13. Jänner 1891 wurde Bruno Kurzweil in Josefstadt (Böhmen)
als Sohn des k.u.k. Stabsarztes Dr. Leo Kurzweil und seiner
Frau Adele geboren (1). Bruno Kurzweil hatte noch drei weitere
Geschwister, Otto, Adalbert, der seinem Vater folgte und Arzt
wurde, und Frieda, die 1910 den Wiener Geschäftsmann
Ernst Kraus heiratete (2).
Die Familie Kurzweil war noch vor der Jahrhundertwende nach
Graz zugezogen. Sie war jüdisch, doch nicht religiös.
Bruno Kurzweil selbst trat am 22. September 1912 im Alter
von 21 Jahren aus der Kultusgemeinde aus und ließ sich
katholisch auf den Namen Bruno Franz Paul taufen. Zehn Jahre
später trat er auch aus der katholischen Kirche aus.

Zwischen
1909 und 1914 studierte Bruno Kurzweil an der Universität
Graz.
Bruno
Kurzweil legte am k.u.k. 1. Staatsgymnasium - dem heutigen
Akademischen Gymnasium - im Sommer 1909 die Reifeprüfung
ab und studierte ab dem Wintersemester 1909/1910 an der juridischen
Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz. Dort
lehrten zu diesem Zeitpunkt einige prominente Persönlichkeiten,
bei denen auch Bruno Kurzweil studierte; so etwa beim Doyen
der Fakultät Professor Gustav Hanausek, beim Nationalökonomen
Joseph Schumpeter, der 1919 kurzzeitig Finanzminister sein
sollte oder beim späteren Landeshauptmann Anton Rintelen
(3). Am 6. Mai 1914 promovierte Bruno Kurzweil zum Doktor
der Rechte (4).
Bereits während seiner Studentenzeit war Bruno Kurzweil
innerhalb sozialdemokratischer Organisationen tätig.
In einer von Muriel Morris Buttinger verfassten Kurzbiographie
für einen Visaantrag für Bruno Kurzweil für
die USA heißt es dazu 1942:
"Already as a Student he was active in the democratic
movement at the Austrian universities, which was opposed to
the nationalistic and pan-germanistic spirit that prevailed
at these institutions. During the war of 1914-1918 he joined
the Austrian Social-Democratic Party, thus expressing his
Opposition to the war policies of the old monarchy and its
alliance with German imperialism." (5)

Ausflug
der Familien Kurzweil und Robinson im Frühjahr 1928
Unmittelbar
nach Beendigung seines Studiums begann Bruno Kurzweil beim
Anwalt der steirischen Sozialdemokratischen Partei, Dr. Arnold
Eisler (6), als Rechtsanwaltskonzipient. Arnold Eisler gehörte
in der Übergangsphase von der Monarchie zur Republik,
aber auch in den darauffolgenden Jahren zu den führenden
Persönlichkeiten in der Steiermark. So war der seit 1917
als sozialdemokratischer Gemeinderat der Stadt Graz tätige
Eisler 1918 der Vertreter der Sozialdemokratie in der steiermärkischen
Übergangsregierung, dem so genannten "Wohlfahrtsausschuss".
In der Folge gehörte er zwischen 1918 und 1920 auch als
Abgeordneter dem Steiermärkischen Landtag an. Daneben
war er ab 1919 Unterstaatssekretär für Justiz in
der Regierung Renner und danach bis 1934 Abgeordneter des
Nationalrates und Mitglied des Verfassungsgerichtshofes in
Wien.
Nach Beendigung der Konzipientenzeit trat Bruno Kurzweil in
die Kanzlei Eisler ein, wobei - durch die häufige Abwesenheit
Eislers bedingt - Bruno Kurzweil immer mehr die Aufgaben als
Parteianwalt übernahm. Daneben wirkte er noch innerhalb
der Mietervereinigung, eine der größten sozialdemokratischen
Vereinigungen in der Zwischenkriegszeit, als Rechtsanwalt
(7). Obwohl Arnold Eisler 1925 das Grazer Büro aufgab
und nach Wien übersiedelte, bestritten er und Bruno Kurzweil
noch eine Reihe großer Verfahren gemeinsam für
die Sozialdemokratie bzw. für Mitglieder der Sozialdemokratischen
Partei. Einige der Prozesse sollten Bruno Kurzweil und Arnold
Eisler auch über die Grenzen der Steiermark hinaus und
- leider auch - bei den Nationalsozialisten berühmt machen.

Der
"steirische Napoleon" Walter Pfrimer
So
erstattete Bruno Kurzweil etwa am 31. Oktober 1927 im Auftrag
der Sozialdemokratischen Partei und in seinem Namen eine Anzeige
gegen den Judenburger Rechtsanwalt und Landesleiter des Steirischen
Heimatschutzes Dr. Walter Pfrimer, in der er Pfrimer des Hochverrates,
der Erpressung, des Missbrauches der Amtsgewalt, der öffentlichen
Gewalttätigkeit und der gefährlichen Drohung bezichtigte.
Kurzweil behauptete in der Anzeige, Pfrimer habe in einer
Sitzung, die anlässlich des Streiks und der Unruhen am
15. Juli 1927 im Landhaus in Graz stattfand, erklärt,
für den Fall, dass der Eisenbahnverkehr nicht sofort
wieder aufgenommen werde, mit dem bewaffneten Heimatschutz
durch das Industriegebiet auf den Semmering zu marschieren,
um die Aufnahme des Verkehrs zu er-zwingen. Das Verfahren
wurde ebenso eingestellt wie jenes, das im Vorfeld dieser
Anzeige gegen den Landtagsabgeordneten und Schutzbundkommandanten
von Bruck/Mur Koloman Wallisch, der der Urheber des Verkehrsstreiks
war und in Bruck/Mur das Standrecht verhängt hatte, eingebracht
worden war (8).

Flugblatt der sozialistischen Jungfront
Nicht
eingestellt wurde der Prozess gegen den führenden Funktionär
der sozialistischen Jungfront Otto Fischer, der des Mordes
am SA-Mann Josef Kristandl beschuldigt wurde. In dem sich
immer stärker radikalisierenden Klima zu Beginn der 30er
Jahre kam es immer öfter zu tätlichen Auseinandersetzungen
zwischen Mitgliedern der politischen Lager (9). So auch in
der Nacht des 3. März 1933, als Mitglieder der sozialistischen
Jungfront NS-Plakate gegenüber einer SA-Kaserne abrissen.
Die daraufhin einsetzende Verfolgung durch einen SA-Sturm
stoppte Otto Fischer mit der Abgabe von Schüssen, wobei
er Kristandl in den Oberschenkel traf und dieser im Stürzen
eine zweite tödliche Kugel in die Brust bekam. Im Prozess
gegen Otto Fischer traten Eisler und Kurzweil als Fischers
Anwälte auf. Sie verwehrten sich, diesen Zusammenstoß
als Straßenrauferei zu behandeln und erklärten,
dies sei ein politisch motivierter Überfall der SA gewesen
und deshalb sei der Prozess ein politischer. Otto Fischer
wurde wegen Vergehens gegen die körperliche Sicherheit
im Sinne der Notwehrüberschreitung zu fünf Monaten
schweren Arrests verurteilt, wobei der Vollzug der Strafe
auf drei Jahre bedingt aufgehoben wurde. Gegen dieses Urteil
protestierten einerseits die Nationalsozialisten, denen es
viel zu niedrig schien, und andererseits die Staatsanwaltschaft,
die Berufung einlegte. Bruno Kurzweil bat in der Folge den
Landeshauptmannstellvertreter Reinhold Machold um Intervention,
die aber ergebnislos blieb (10).
Auch in den Folgemonaten vertrat Kurzweil immer wieder als
Anwalt angeklagte Angehörige der Jungfront, die im Zusammenhang
mit Demonstrationen gegen die Heimwehr bzw. die Regierung
Dollfuß vor Gericht standen. Als am 12. Februar 1934
die "Februarkämpfe" begannen, in deren Folge
auch die Sozialdemokratische Partei verboten wurde, wurde
auch Bruno Kurzweil verhaftet. Dies erfolgte nicht etwa deshalb,
weil Bruno Kurzweil eine Beteiligung am Aufstand hätte
nachgesagt werden können, sondern weil er als Anwalt
der Sozialdemokratischen Partei, wie andere Anwälte der
Sozialdemokratie auch, vorsorglich in Haft gesetzt wurde (11).
Mit dieser Inhaftierung sollte verhindert werden, dass sich
die vor dem Standgericht angeklagten Sozialdemokraten und
Mitglieder des Republikanischen Schutzbundes politisch verteidigen
hätten können.
Bruno Kurzweil war weder vor noch nach den Februarkämpfen
irgendwie politisch aufgefallen, er dürfte - nach heutigem
Wissensstand - auch keine politische Funktion innerhalb der
Sozialdemokratie inne gehabt haben. Hingegen hatte er auch
weiterhin - also auch während der Zeit der Illegalität
der Sozialdemokratischen Partei - die juristische Vertretung
von wegen illegaler Tätigkeit angeklagten Mitgliedern
der "Revolutionären Sozialisten", aber auch
von Kommunisten übernommen (12).
Im Alter von 31 Jahren heiratete Bruno Kurzweil am 28. November
1922 die ebenfalls aus Böhmen stammende Gisela Trammer
(geb. 25. Februar 1900 in Oderberg). Am 31. Jänner 1925
wurde ihr einziges Kind, Adele, geboren. Am 11. Juni 1926
trat Gisela Kurzweil mit ihrer Tochter Adele gemeinsam aus
der Israelitischen Kultusgemeinde aus. Damit gehörten
sie zu der immer größeren Zahl von Israeliten in
Graz, die sich assimiliert hatten, d.h. für die die jüdische
Herkunft zur Nebensächlichkeit geworden war und die deshalb
in letzter Konsequenz und zum Teil aus Karrieregründen
aus der Kultusgemeinde austraten (13). Im Jahr 1938 sollte
dies letztlich egal sein, denn für die Nationalsozialisten
galt die Familie Kurzweil als jüdisch. Die Kurzweils
sollten deshalb von den Nazis verfolgt, außer Landes
getrieben, schließlich im Exilland Frankreich verhaftet
und nach Auschwitz deportiert und ermordet werden.

Bruno
Kurzweil 1936
Nach
der Heirat wohnte die Familie in der Kirchengasse 15 (heute:
Schröttergasse 7). Im gleichen Haus wohnte auch der große
steirische Architekt Herbert Eichholzer, der 1938 ebenfalls
nach Paris emigrieren sollte (14). Daneben besaß die
Familie in der Strauchergasse gemeinsam mit Mitgliedern der
Familie von Moritz Robinson, der Chefredakteur der Sozialdemokratischen
Zeitung "Arbeiterwille" war, eine Bauparzelle, die
sie als Garten nutzten. Mehrere Fotos aus den Jahren 1928/29
zeigen die Familie Kurzweil mit Kindern anderer sozialdemokratischer
Familien aus der Nachbarschaft auf diesem Gartengrundstück.
Auch Hans Kern, der damals in der Annenstraße 30, im
so genannten Klementschitz-Haus, wohnte, erinnert sich an
das "Kinderparadies", das der zur Strauchergasse
hinausgehende Klementschitzgarten mit dem Grundstück
der Kurzweils und Robinsons bildete. "Klementschitz ließ
für uns Kinder eine Fuhre Sand kommen und vom Klementschitzgeschäft
her hatten wir Kisten, aus denen wir ein Haus bauen konnten.
Wir haben das Amerika genannt. Zu den Kindern, die hier gespielt
haben, gehörten auch die Dele oder unsere gemeinsame
Freundin Maria Robinson. Auch Franz Preminger, der 1938 nach
England emigriert ist, hat hier gewohnt. Nach dem Februar
1934 ist dann der Garten umgegraben worden, weil sie Waffen
des Schutzbundes hier vermutet haben."(15)

Bruno
Kurzweil am Steuer seines Wagens, am Trittbrett Gisela und
Adele Kurzweil, als Beifahrer Familie Robinson. Graz 1928

Mary
Robinson und Adele Kurzweil, Juni 1929
Die
Familie Kurzweil kann als eine durchaus wohlhabende Familie
bezeichnet werden, die selbst in den Krisenjahren der Ersten
Republik einen gehobenen Lebensstandard aufrecht hielt. Denn
während allgemein für diese Jahre das Bild des Arbeitsuchenden
steht, der eine Tafel um den Hals trägt, auf der die
Aufschrift "Habe Hunger. Suche Arbeit. Mache alles"
zu lesen ist, sind die einzigen Fotos und Postkarten der Kurzweil
aus den Jahren zwischen 1929 und 1933 solche, die Bruno Kurzweil
als stolzen Autobesitzer oder die Familie auf Urlaub in Lussin,
Barcelona, Malta, Korfu und Cetinje zeigen. Dieses von der
überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung - und erst
recht von seinen Parteigenossen - abweichende Bild mag den
Grund auch darin haben, dass Bruno Kurzweil neben seiner Tätigkeit
als Anwalt der Sozialdemokratischen Partei mit der "Freien
Gewerkschaft" in der Steiermark und der Grazer Stadtverwaltung
(16) noch zwei andere große Klienten - und daher viel
Arbeit - hatte.

Die
Familie Kurzweil auf Urlaub in Lussin (Losinj) 1933
Uber
Adele Kurweils Kindheit in Graz ist nur wenig bekannt. Sie
besuchte die Mädchenvolksschule am Graben und danach
bis zum Sommer 1938 das Franz Ferdinand Oberlyzeum in der
Sackstraße im heutigen Stadtmuseum. Sie konnte, entgegen
der oft aufgestellten Behauptung, sofort nach dem "Anschluss"
sei es zur Vertreibung der jüdischen Schülerinnen
von den Gymnasien gekommen (17), das Schuljahr noch beenden.
Erst am 12. Juli 1938 wurde per Verordnung jüdischen
Kindern die Teilnahme am öffentlichen Unterricht ab dem
Schuljahr 1938/39 untersagt (18). Adele Kurzweil und ihre
Eltern waren zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mehr in Graz,
denn auf Grund der Tatsache, dass sie für die Nationalsozialisten
als Juden galten und ihnen die wirtschaftliche Existenzgrundlage
mit dem Ausschluss des Vaters aus der Rechtsanwaltskammer
am 11. Juni 1938 entzogen worden war, hatten sie sich bereits
sehr früh um die Möglichkeit einer Ausreise aus
dem Deutschen Reich bemüht.

Über
Verordnung vom 31. März 1938 wurde Bruno Kurzweil Berufsverbot
erteilt.
Es
ist nicht bekannt, wie Adele auf diese neue Situation reagiert
hatte. Anzunehmen ist allerdings, dass es für sie doppelt
schwer gewesen sein muss, als das beschützte und behütete
Leben zusammenbrach und sie plötzlich als Außenseiterin
angesehen wurde. Sie hatte bislang keinen Bezug zum Judentum
gehabt und sah sich nun als Jüdin ausgegrenzt. Dass es
an der Schule aber nicht zu antisemitischen Übergriffen
gekommen sein dürfte und ihre Mitschülerinnen und
auch die Lehrerin ihr beistanden, davon zeugen deren Eintragungen
in Adeles Stammbuch aus den Monaten Mai und Juni 1938.

Die
Bankkonten der Familie Kurzweil wurden gesperrt.

Zur Vorbereitung für die "Arisierung"
jüdischen Vermögens wurde der Stand des Vermögens
im April 1938 erhoben.
Nachdem
Bruno Kurzweil am 11. Juni 1938 ein Schreiben der Steiermärkischen
Rechtsanwaltskammer erhalten hatte, worin ihm mitgeteilt wurde,
dass ihm "die Ausübung (seines) Berufes vorläufig
untersagt werde", er allerdings noch drei Wochen lang
verpflichtet sei, die Rechte der von ihm vertretenen Parteien
"vor Rechtsnachteilen zu schützen", dürfte
für ihn klar gewesen sein, dass der Zeitpunkt gekommen
war, das Land so rasch wie möglich zu verlassen. Dies
umso mehr, als bei ihm neben der Tatsache, dass er nun als
Jude Berufsverbot hatte, auch noch seine frühere juristische
Tätigkeit für die Sozialdemokratie - u.a. auch gegen
die Nationalsozialisten - eine Rolle gespielt haben dürfte.
Bruno Kurzweil hatte sich vorerst im Juni 1938 mit dem Gedanken
der Ausreise nach Australien getragen, sich aber letztlich
doch für Frankreich entschieden, wo zu diesem Zeitpunkt
bereits die gesamte Führung der österreichischen
Sozialdemokratie versammelt war.
In der Folge ging alles recht rasch; am 6. Juli 1938 unterfertigte
er das "Verzeichnis über das Vermögen von Juden
nach dem Stand vom 27. April 1938", wonach er neben der
Bauparzelle in der Strauchergasse noch Wertpapiere, Spareinlagen
und Versicherungspolizzen anführte. Anfang August 1938
suchte er beim französischen Generalkonsulat in Wien
um ein Einreisevisum für sich und seine Familie an, am
24. September erhielt die Familie Pässe, worin zwei Tage
später vom Finanzamt Graz bestätigt wurde, dass
die Familie keine finanziellen Ansprüche mehr habe.

Das
theoretische Organ der Sozialistischen Partei erschien seit
1938 im Pariser Exil.
Am
1. Oktober 1938 überschritt die Familie Kurzweil bei
Feldkirch in Vorarlberg die Grenze zur Schweiz, von wo sie
nach Zürich weiterfuhr. In Zürich erhielt die Familie
am 17. Oktober 1938 ein Ausreisevisum nach Paris, wo sie sich
am 19. Oktober in 55, rue de Compans offiziell registrieren
ließ.
In Paris schloss sich Bruno Kurzweil der "Auslandsvertretung
der österreichischen Sozialisten", dem Zusammenschluss
der aus Österreich geflohenen Angehörigen der "Revolutionären
Sozialisten" und dem aus Prag nach Paris übersiedelten
"Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokratie"
um Otto Bauer, an. Er wurde auch innerhalb dieser Organisation
tätig, indem er in der von der Auslandsvertretung herausgegebenen
Zeitschrift "Sozialistischer Kampf" über "Recht
unter dem Nationalsozialismus" Aufsätze verfasste
(19). Daneben schrieb er sich als Hörer bei der "Alliance
Francaise" ein. Gisela Kurzweil absolvierte eine Ausbildung
zur Masseurin, die sie mit einem Diplom im Sommer 1939 abschloss.
Als um die Weihnachtszeit 1938 in Paris eine "Rote-Falken-Gruppe"
namens "Freundschaft" gegründet wurde und sich
diese wöchentlich in der Auslandsvertretung traf, gehörte
auch Adele dazu. In dieser Gruppe - wie auch in der später
in Montmorency bestehenden - waren fast ausschließlich
Kinder bekannter österreichischer Sozialdemokraten, die
- wie Zeitzeuginnen übereinstimmend aussagten - neben
Wanderungen auch Diskussionen über sozialistische Theorie
und Geschichte veranstalteten. Diese wöchentlichen Treffen
gipfelten im Sommer 1939 in einem einmonatigen Sommerlager
in einer Jugendherberge in Plessis-Robinson, einem Vorort
von Paris.
Der Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 1. September 1939
in Polen und die darauf folgende Kriegserklärung Frankreichs
und Englands hatten auch für die Familie Kurzweil massive
Auswirkungen. Während Bruno Kurzweil im Zusammenhang
mit der Internierung der "feindlichen Ausländer",
wozu auch die österreichischen Flüchtlinge gehörten,
in das Lager Meslay-du-Maine kam, wurde Adele mit anderen
Jugendlichen direkt vom Ferienlager der "Roten Falken"
nach Montmorency verlegt, wo Ernst Papanek ein Heim der jüdischen
OSE für Flüchtlingskinder leitete. Obwohl Adele
in dem Heim gut aufgehoben war und sie von dort aus die vierte
Klasse des Lyzeums besuchte, dürfte sie sich dort - wie
ihr Briefwechsel mit ihrer Mutter dokumentiert - nicht wohl
gefühlt haben. Ihre Mutter war in Paris allein zurückgeblieben
und am Rande des Nervenzusammenbruchs mit einer Reihe von
Problemen der Unsicherheit konfrontiert. Aus den Briefen zwischen
Adele und Gisela Kurzweil geht unter anderem hervor, dass
die Mutter Schwierigkeiten mit der Aufenthaltserlaubnis in
Paris hatte, sodass sie immer wieder den Gang zur Präfektur
antreten musste, um eine Verlängerung zu erhalten.

Bruno
Kurzweil schrieb aus dem Internierungslager an Adele.
Die
Situation besserte sich ein wenig, nachdem Bruno Kurzweil
im Februar 1940 wieder aus dem Internierungslager entlassen
worden war. Er wurde in der Folge innerhalb der "Zentralvereinigung
österreichischer Emigranten" aktiv. Nach Angaben
von Muriel Buttinger soll er sogar der Sekretär der Vereinigung
geworden sein (20). Nachdem im Mai 1940 die deutsche Offensive
im Westen mit dem Einmarsch in Holland und Belgien begonnen
hatte, beschloss die "Auslandsvertretung österreichischer
Sozialisten" auf Anraten des ehemaligen französischen
sozialistischen Ministerpräsidenten Leon Blum in den
Süden Frankreichs nach Montauban zu gehen. Die Familie
Kurzweil erhielt am 9.Juni einen Sauf-Conduit Collectif, einen
Passierschein, der ihnen die Reise nach Montauban bis spätestens
20. Juni gestattete. Während sich die Deutschen Truppen
Paris näherten, reiste die Familie nach Montauban, wo
sie sich am 17. Juni als Flüchtlinge aus Paris registrieren
ließen.
Da dieser von Vichy aus regierte - noch unbesetzte - Teil
Frankreichs keine Sicherheit und Garantie und auch keine Möglichkeit
bot, politisch im Rahmen der Sozialdemokratie aktiv zu sein,
entschlossen sich die führenden Funktionäre der
Auslandsvertretung so rasch wie möglich Frankreich zu
verlassen. Nach deren Abreise in die USA übernahm Bruno
Kurzweil gemeinsam mit Josef Müller die "Agenden
der Verlassenschaft", wie er in einem Brief an Joseph
Buttinger im Oktober 1940 schrieb (21). Ihnen - vor allem
jedoch Bruno Kurzweil -gelang es in den folgenden Monaten,
für die in Montauban Lebenden sowie für jene, die
in den Internierungslagern gefangen waren, durch die Hilfe
Buttingers und anderer in den USA bzw. Mexiko Gelder und Ausreisevisa
zu organisieren.

Sauf
Conduit - Passierschein für Bruno Kurzweil

Muriel
Gardiner-Buttinger versuchte von den USA aus Visa für
die noch in Frankreich Lebenden zu organisieren.

Registrierung
der Familie Kurzweil als ausländische Juden in Montauban
Bruno
Kurzweil gelang es aber selbst nicht, sein und das Leben seiner
Familie zu retten. Auch wenn eine Aneinanderreihung unglücklicher
Umstände (siehe Beiträge in diesem Band) dazu geführt
hatten, dass sie am 28. August 1942 verhaftet und nach Auschwitz
deportiert wurden, so dürfte doch Bruno Kurzweil die
Bedrohlichkeit der politischen Lage unterschätzt haben.
Es wäre vermutlich möglich gewesen - wie auch Henry
Leichter in seinen Erinnerungen beschreibt (22) - zumindest
die Tochter Adele zu retten. Doch Bruno Kurzweil wollte offenbar
- auch in falscher Einschätzung des Vichy-Regimes - die
Familie zusammenhalten und Adele nicht allein in die USA bzw.
zu einem späteren Zeitpunkt nach Mexiko gehen lassen.
Der Grund mag vielleicht darin liegen, dass er als Jurist
gewohnt war, sich in Paragraphen und Verordnungen zurecht
zu finden. So schien er auch der von Petain proklamierten
französischen Souveränität zu Unrecht vertraut
und sich damit der todbringenden Illusion von Sicherheit für
sich und seine Familie hingegeben zu haben. Daher ist es auch
erklärlich, dass er sich und seine Familie im Juli 1941
als Juden hat registrieren lassen und nicht wie andere in
die Illegalität abgetaucht ist (23).
Nachdem im Jänner 1942 die Nationalsozialisten auf der
"Wannsee-Konferenz" die "Endlösung der
Judenfrage" beschlossen hatten, forderte das Deutsche
Reich von Frankreich die Auslieferung der Juden. Für
die Familie Kurzweil wurde es - wie für Tausende andere
auch - zu einem Wettlauf mit der Zeit. Während die rettenden
Visa bzw. Passierscheine auf sich warten ließen, kam
es im Zusammenhang mit der deutschen Forderung zu Razzien
gegen Juden. Nachdem es am 16. und 17. Juli 1942 in Paris
zu Razzien gegen Juden gekommen war, bei denen 12.000 ausländische
Juden verhaftet wurden, begann Ende August eine große
Razzia in der Provinz Tarn et Garonne. Allein am 26. August
1942 wurden neben der Familie Kurzweil, die in Auvillar nahe
Montauban verhaftet wurde, noch 170 Personen festgenommen
und in das Camp de Septfonds gebracht, von wo alle in der
Nacht vom 1./2. September nach Drancy und am 9. September
mit dem Transport Nr. 30 nach Auschwitz deportiert und ermordet
wurden.

Telegramm
von Muriel Gardiner an Bruno Kurzweil

Marschall
Philippe Petain in Montauban, 6. November 1940

Kinder
im Hof des Lagers Drancy im Dezember 1942

Selektion
bei der Ankunft an der Rampe von Auschwitz
Fast
gleichzeitig mit der Deportation der Familie nach Auschwitz
begannen sich in Graz verschiedene Ämter für die
Familie Kurzweil zu interessieren. Der Grund war, dass Bruno
Kurzweil im Juli 1938 in seiner Vermögensanmeldung eine
Liegenschaft in der Strauchergasse angegeben hatte. Da er
jedoch kurz darauf das Land verlassen hatte, war über
den Besitz dieser Liegenschaft bei der Vermögensverkehrsstelle,
jener Stelle, die die Arisierung jüdischen Vermögens
abwickelte, kein Vorgang vorhanden. Aus diesem Grund wurden
Erhebungen eingeleitet, die am B. Dezember 1942 zu folgendem
Beschluss führten: "Auf Grund der Aberkennung der
Deutschen Staatsangehörigkeit, verlautbart im Deutschen
Reichsanzeiger Nr. 286 vom 5. Dezember 1940 und § 3 Abs.
1 der Elften Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25.
November 1941 RGBI 1. S. 722 wird das Eigentumsrecht zugunsten
des Deutschen Reiches (Reichsfinanzverwaltung) einverleibt."
(24) Mit diesem "behördlichen Vorgang" endet
die Spur der Familie Kurzweil.
Anmerkungen:
(1)
Biographische Angaben stammen aus verschiedenen Akten aus
dem Buttinger-Nachlass im Dokumentationsarchiv des österreichischen
Widerstands (DÖW 18.882; 18.884: 18.886), dem Archiv
der Israelitischen Kultusgemeinde Graz und den Dokumenten
der Familie Kurzweil, die sich in den Koffern fanden und die
sich im Archiv des Musée de la résistance et
de la déportation in Montauban befinden. Pascal Caïla
hat diese Dokumente in einem Dossier zusammengefasst. Pascal
Caïla, Bruno, Gisèle et Adèle Kurzweil.
Itinéraine d'une famille autrichienne juive 1938-1942,
Montauban 1996. Für die Möglichkeit der Einsichtnahme
in diese Unterlagen möchte ich mich recht herzlich bedanken.
(2) Grazer Israelitischer Gemeindebote, 1.11.1910.
(3)
Eine recht anschauliche Schilderung der Professorenschaft
an der Juridischen Fakultät findet sich in den Lebenserinnerungen
von Ludwig Biró, Die erste Hälfte meines Lebens.
Erinnerungen eines Grazer jüdischen Rechtsanwalts von
1900 - 1940. Hg. v. Christian Fleck, Graz 1998, 91 ff.
(4)
Archiv der KF-Universität Graz, Promotionsprotokoll,
4892/72; Staatsprüfungen, Semesterprüfungen.
(5)
Muriel Morris Buttinger, Concerning Bruno Kurzweil 1941, in:
DÖW, Nachlass Joseph Buttinger (DÖW 18.882/8).
(6)
Heinz Mang, Steiermarks Sozialdemokraten im Sturm der Zeit.
Graz 1989, 42 ff.
(7)
Interview mit Ing. Hans Kern, 4.5.2001.
(8)
Sozialdemokratische Hochverratsanzeige gegen Dr. Pfrimer.
Ein Heimwehrprozess in Graz, in: Neue Freie Presse, 6.9.1928.
(9)
Gerhard Botz, Gewalt in der Politik. Attentate, Zusammenstöße,
Putschversuche, Unruhen in Osterreich 1918 bis 1934, München
1976.
(10)
Dazu: Bild- u. Tonarchiv: Interview mit Otto Fischer 1977;
StLA, LGfStr, Vr 755/33; StLA, Zeitgeschichtliche Sammlung,
Korrespondenz Machold, Kurzweil an Machold, 15.7.1933. Ich
danke Hans-Peter Weingand für diesen Hinweis. Allgemein
dazu auch: Karl Schiffer, Über die Brücke. Der Weg
eines linken Sozialisten ins Schweizer Exil, Wien 1988. 75
ff.
(11)
DOW 6979 (= Vr 343/34 Standgerichtsverfahren gegen Koloman
Wallisch; Amtsvermerk vom 19.2.1934, aus dem hervorgeht, dass
Wallisch Kurzweil und Eisler seinen Anwälten bestimmt
hatte, beide jedoch inhaftiert waren); zur präventiven
Verhaftung auch: Everhard Holtmann, Zwischen Unterdrückung
und Befreiung. Sozialistische Arbeiterbewegung und autoritäres
Regime in Osterreich 1933-1938, Wien 1978, 93.
(12)
Beispielsweise: DÖW 12.882 (= LGfStr Graz Vr 2746137
Verfahren gegen Albin Neubauer und Gen.).
(13)
Gudrun Reitter, Die Grazer Israelitische Kultusgemeinde 1908-1938,
in: Dieter A. Binder - Gudrun Reiner - Herbert Rütgen,
Judentum in einer antisemitischen Umwelt. Am Beispiel der
Stadt Graz 1918-1938, Graz 1988, 62 ff.
(14)
Heimo Halbrainer (Hg.), Herbert Eichholzer 1903-1943. Architektur
und Widerstand. Katalog zur Ausstellung, Graz 1998.
(15)
Interview mit Hans Kern, 4.5.2001.
(16)
Muriel Morris Buttinger, Concerning Bruno Kurzweil 1941, in:
DÖW Nachlass Joseph Buttinger (DÖW 18.882/8).
(17)
Zuletzt: Bernd Beutl, Antisemitismus und Judenverfolgung in
Graz. Die Zerstörung der Israelitischen Kultusgemeinde
1938 - 1940, in: Stefan Karner (Hg.), Graz in der NS-Zeit
1938 - 1945, Graz 1998, 33.
(18)
Erlass Nr. 180: Jüdische Schüler an österreichischen
Lehranstalten, 22. Juni 1938, in: Verordnungsblatt für
das Schulwesen in Steiermark, Jahrgang 1938, 12. Juli 1938.
(19)
Muriel Morris Buttinger, Concerning Bruno Kurzweil 1941, in:
DÖW, Nachlass Joseph Buttinger (DÖW 18.882).
(20)
Muriel Morris Buttinger, Concerning Bruno Kurzweil 1941, in:
DOW, Nachlass Joseph Buttinger (DOW 18.882).
(21)
Brief Bruno Kurzweil an Joseph Buttinger, 10.10.1940, in:
DÖW, Nachlass Joseph Buttinger (DÖW 18.882).
(22)
Henry O. Leichter, Eine Kindheit. Wien - Zürich - Paris
- USA. Aus dem Englischen übersetzt von Susi Schneider,
Wien - Köln - Weimar 1995. 163.
(23)
Als Beispiel seien hier die auch von uns interviewten Familien
Speiser oder Stein genannt.
(24)
StLA, Vermögensverkehrsstelle Graz, LG 2317.
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