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Die Famille Kurzweil

Der nachstehende Text ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags CLIO entnommen dem Buch:
ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus. Christian Ehetreiber, Heimo Halbrainer, Bettina Ramp: Der Koffer der Adele Kurzweil. Auf den Spuren einer Grazer jüdischen Familie in der Emigration. Graz (CLIO) 2001, S. 21-40.

Heimo Halbrainer

Graz-Paris-Montauban-Auschwitz.
Stationen eines kurzen Lebens

Biographische Skizzen zur Familie Bruno, Gisela
und Adele Kurzweil

Am 13. Jänner 1891 wurde Bruno Kurzweil in Josefstadt (Böhmen) als Sohn des k.u.k. Stabsarztes Dr. Leo Kurzweil und seiner Frau Adele geboren (1). Bruno Kurzweil hatte noch drei weitere Geschwister, Otto, Adalbert, der seinem Vater folgte und Arzt wurde, und Frieda, die 1910 den Wiener Geschäftsmann Ernst Kraus heiratete (2).

Die Familie Kurzweil war noch vor der Jahrhundertwende nach Graz zugezogen. Sie war jüdisch, doch nicht religiös. Bruno Kurzweil selbst trat am 22. September 1912 im Alter von 21 Jahren aus der Kultusgemeinde aus und ließ sich katholisch auf den Namen Bruno Franz Paul taufen. Zehn Jahre später trat er auch aus der katholischen Kirche aus.


Zwischen 1909 und 1914 studierte Bruno Kurzweil an der Universität Graz.

Bruno Kurzweil legte am k.u.k. 1. Staatsgymnasium - dem heutigen Akademischen Gymnasium - im Sommer 1909 die Reifeprüfung ab und studierte ab dem Wintersemester 1909/1910 an der juridischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz. Dort lehrten zu diesem Zeitpunkt einige prominente Persönlichkeiten, bei denen auch Bruno Kurzweil studierte; so etwa beim Doyen der Fakultät Professor Gustav Hanausek, beim Nationalökonomen Joseph Schumpeter, der 1919 kurzzeitig Finanzminister sein sollte oder beim späteren Landeshauptmann Anton Rintelen (3). Am 6. Mai 1914 promovierte Bruno Kurzweil zum Doktor der Rechte (4).

Bereits während seiner Studentenzeit war Bruno Kurzweil innerhalb sozialdemokratischer Organisationen tätig. In einer von Muriel Morris Buttinger verfassten Kurzbiographie für einen Visaantrag für Bruno Kurzweil für die USA heißt es dazu 1942:
"Already as a Student he was active in the democratic movement at the Austrian universities, which was opposed to the nationalistic and pan-germanistic spirit that prevailed at these institutions. During the war of 1914-1918 he joined the Austrian Social-Democratic Party, thus expressing his Opposition to the war policies of the old monarchy and its alliance with German imperialism." (5)


Ausflug der Familien Kurzweil und Robinson im Frühjahr 1928

Unmittelbar nach Beendigung seines Studiums begann Bruno Kurzweil beim Anwalt der steirischen Sozialdemokratischen Partei, Dr. Arnold Eisler (6), als Rechtsanwaltskonzipient. Arnold Eisler gehörte in der Übergangsphase von der Monarchie zur Republik, aber auch in den darauffolgenden Jahren zu den führenden Persönlichkeiten in der Steiermark. So war der seit 1917 als sozialdemokratischer Gemeinderat der Stadt Graz tätige Eisler 1918 der Vertreter der Sozialdemokratie in der steiermärkischen Übergangsregierung, dem so genannten "Wohlfahrtsausschuss". In der Folge gehörte er zwischen 1918 und 1920 auch als Abgeordneter dem Steiermärkischen Landtag an. Daneben war er ab 1919 Unterstaatssekretär für Justiz in der Regierung Renner und danach bis 1934 Abgeordneter des Nationalrates und Mitglied des Verfassungsgerichtshofes in Wien.
Nach Beendigung der Konzipientenzeit trat Bruno Kurzweil in die Kanzlei Eisler ein, wobei - durch die häufige Abwesenheit Eislers bedingt - Bruno Kurzweil immer mehr die Aufgaben als Parteianwalt übernahm. Daneben wirkte er noch innerhalb der Mietervereinigung, eine der größten sozialdemokratischen Vereinigungen in der Zwischenkriegszeit, als Rechtsanwalt (7). Obwohl Arnold Eisler 1925 das Grazer Büro aufgab und nach Wien übersiedelte, bestritten er und Bruno Kurzweil noch eine Reihe großer Verfahren gemeinsam für die Sozialdemokratie bzw. für Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei. Einige der Prozesse sollten Bruno Kurzweil und Arnold Eisler auch über die Grenzen der Steiermark hinaus und - leider auch - bei den Nationalsozialisten berühmt machen.


Der "steirische Napoleon" Walter Pfrimer

So erstattete Bruno Kurzweil etwa am 31. Oktober 1927 im Auftrag der Sozialdemokratischen Partei und in seinem Namen eine Anzeige gegen den Judenburger Rechtsanwalt und Landesleiter des Steirischen Heimatschutzes Dr. Walter Pfrimer, in der er Pfrimer des Hochverrates, der Erpressung, des Missbrauches der Amtsgewalt, der öffentlichen Gewalttätigkeit und der gefährlichen Drohung bezichtigte. Kurzweil behauptete in der Anzeige, Pfrimer habe in einer Sitzung, die anlässlich des Streiks und der Unruhen am 15. Juli 1927 im Landhaus in Graz stattfand, erklärt, für den Fall, dass der Eisenbahnverkehr nicht sofort wieder aufgenommen werde, mit dem bewaffneten Heimatschutz durch das Industriegebiet auf den Semmering zu marschieren, um die Aufnahme des Verkehrs zu er-zwingen. Das Verfahren wurde ebenso eingestellt wie jenes, das im Vorfeld dieser Anzeige gegen den Landtagsabgeordneten und Schutzbundkommandanten von Bruck/Mur Koloman Wallisch, der der Urheber des Verkehrsstreiks war und in Bruck/Mur das Standrecht verhängt hatte, eingebracht worden war (8).


Flugblatt der sozialistischen Jungfront

Nicht eingestellt wurde der Prozess gegen den führenden Funktionär der sozialistischen Jungfront Otto Fischer, der des Mordes am SA-Mann Josef Kristandl beschuldigt wurde. In dem sich immer stärker radikalisierenden Klima zu Beginn der 30er Jahre kam es immer öfter zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen Mitgliedern der politischen Lager (9). So auch in der Nacht des 3. März 1933, als Mitglieder der sozialistischen Jungfront NS-Plakate gegenüber einer SA-Kaserne abrissen. Die daraufhin einsetzende Verfolgung durch einen SA-Sturm stoppte Otto Fischer mit der Abgabe von Schüssen, wobei er Kristandl in den Oberschenkel traf und dieser im Stürzen eine zweite tödliche Kugel in die Brust bekam. Im Prozess gegen Otto Fischer traten Eisler und Kurzweil als Fischers Anwälte auf. Sie verwehrten sich, diesen Zusammenstoß als Straßenrauferei zu behandeln und erklärten, dies sei ein politisch motivierter Überfall der SA gewesen und deshalb sei der Prozess ein politischer. Otto Fischer wurde wegen Vergehens gegen die körperliche Sicherheit im Sinne der Notwehrüberschreitung zu fünf Monaten schweren Arrests verurteilt, wobei der Vollzug der Strafe auf drei Jahre bedingt aufgehoben wurde. Gegen dieses Urteil protestierten einerseits die Nationalsozialisten, denen es viel zu niedrig schien, und andererseits die Staatsanwaltschaft, die Berufung einlegte. Bruno Kurzweil bat in der Folge den Landeshauptmannstellvertreter Reinhold Machold um Intervention, die aber ergebnislos blieb (10).

Auch in den Folgemonaten vertrat Kurzweil immer wieder als Anwalt angeklagte Angehörige der Jungfront, die im Zusammenhang mit Demonstrationen gegen die Heimwehr bzw. die Regierung Dollfuß vor Gericht standen. Als am 12. Februar 1934 die "Februarkämpfe" begannen, in deren Folge auch die Sozialdemokratische Partei verboten wurde, wurde auch Bruno Kurzweil verhaftet. Dies erfolgte nicht etwa deshalb, weil Bruno Kurzweil eine Beteiligung am Aufstand hätte nachgesagt werden können, sondern weil er als Anwalt der Sozialdemokratischen Partei, wie andere Anwälte der Sozialdemokratie auch, vorsorglich in Haft gesetzt wurde (11). Mit dieser Inhaftierung sollte verhindert werden, dass sich die vor dem Standgericht angeklagten Sozialdemokraten und Mitglieder des Republikanischen Schutzbundes politisch verteidigen hätten können.
Bruno Kurzweil war weder vor noch nach den Februarkämpfen irgendwie politisch aufgefallen, er dürfte - nach heutigem Wissensstand - auch keine politische Funktion innerhalb der Sozialdemokratie inne gehabt haben. Hingegen hatte er auch weiterhin - also auch während der Zeit der Illegalität der Sozialdemokratischen Partei - die juristische Vertretung von wegen illegaler Tätigkeit angeklagten Mitgliedern der "Revolutionären Sozialisten", aber auch von Kommunisten übernommen (12).

Im Alter von 31 Jahren heiratete Bruno Kurzweil am 28. November 1922 die ebenfalls aus Böhmen stammende Gisela Trammer (geb. 25. Februar 1900 in Oderberg). Am 31. Jänner 1925 wurde ihr einziges Kind, Adele, geboren. Am 11. Juni 1926 trat Gisela Kurzweil mit ihrer Tochter Adele gemeinsam aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus. Damit gehörten sie zu der immer größeren Zahl von Israeliten in Graz, die sich assimiliert hatten, d.h. für die die jüdische Herkunft zur Nebensächlichkeit geworden war und die deshalb in letzter Konsequenz und zum Teil aus Karrieregründen aus der Kultusgemeinde austraten (13). Im Jahr 1938 sollte dies letztlich egal sein, denn für die Nationalsozialisten galt die Familie Kurzweil als jüdisch. Die Kurzweils sollten deshalb von den Nazis verfolgt, außer Landes getrieben, schließlich im Exilland Frankreich verhaftet und nach Auschwitz deportiert und ermordet werden.


Bruno Kurzweil 1936

Nach der Heirat wohnte die Familie in der Kirchengasse 15 (heute: Schröttergasse 7). Im gleichen Haus wohnte auch der große steirische Architekt Herbert Eichholzer, der 1938 ebenfalls nach Paris emigrieren sollte (14). Daneben besaß die Familie in der Strauchergasse gemeinsam mit Mitgliedern der Familie von Moritz Robinson, der Chefredakteur der Sozialdemokratischen Zeitung "Arbeiterwille" war, eine Bauparzelle, die sie als Garten nutzten. Mehrere Fotos aus den Jahren 1928/29 zeigen die Familie Kurzweil mit Kindern anderer sozialdemokratischer Familien aus der Nachbarschaft auf diesem Gartengrundstück. Auch Hans Kern, der damals in der Annenstraße 30, im so genannten Klementschitz-Haus, wohnte, erinnert sich an das "Kinderparadies", das der zur Strauchergasse hinausgehende Klementschitzgarten mit dem Grundstück der Kurzweils und Robinsons bildete. "Klementschitz ließ für uns Kinder eine Fuhre Sand kommen und vom Klementschitzgeschäft her hatten wir Kisten, aus denen wir ein Haus bauen konnten. Wir haben das Amerika genannt. Zu den Kindern, die hier gespielt haben, gehörten auch die Dele oder unsere gemeinsame Freundin Maria Robinson. Auch Franz Preminger, der 1938 nach England emigriert ist, hat hier gewohnt. Nach dem Februar 1934 ist dann der Garten umgegraben worden, weil sie Waffen des Schutzbundes hier vermutet haben."(15)


Bruno Kurzweil am Steuer seines Wagens, am Trittbrett Gisela und Adele Kurzweil, als Beifahrer Familie Robinson. Graz 1928


Mary Robinson und Adele Kurzweil, Juni 1929

Die Familie Kurzweil kann als eine durchaus wohlhabende Familie bezeichnet werden, die selbst in den Krisenjahren der Ersten Republik einen gehobenen Lebensstandard aufrecht hielt. Denn während allgemein für diese Jahre das Bild des Arbeitsuchenden steht, der eine Tafel um den Hals trägt, auf der die Aufschrift "Habe Hunger. Suche Arbeit. Mache alles" zu lesen ist, sind die einzigen Fotos und Postkarten der Kurzweil aus den Jahren zwischen 1929 und 1933 solche, die Bruno Kurzweil als stolzen Autobesitzer oder die Familie auf Urlaub in Lussin, Barcelona, Malta, Korfu und Cetinje zeigen. Dieses von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung - und erst recht von seinen Parteigenossen - abweichende Bild mag den Grund auch darin haben, dass Bruno Kurzweil neben seiner Tätigkeit als Anwalt der Sozialdemokratischen Partei mit der "Freien Gewerkschaft" in der Steiermark und der Grazer Stadtverwaltung (16) noch zwei andere große Klienten - und daher viel Arbeit - hatte.


Die Familie Kurzweil auf Urlaub in Lussin (Losinj) 1933

Uber Adele Kurweils Kindheit in Graz ist nur wenig bekannt. Sie besuchte die Mädchenvolksschule am Graben und danach bis zum Sommer 1938 das Franz Ferdinand Oberlyzeum in der Sackstraße im heutigen Stadtmuseum. Sie konnte, entgegen der oft aufgestellten Behauptung, sofort nach dem "Anschluss" sei es zur Vertreibung der jüdischen Schülerinnen von den Gymnasien gekommen (17), das Schuljahr noch beenden. Erst am 12. Juli 1938 wurde per Verordnung jüdischen Kindern die Teilnahme am öffentlichen Unterricht ab dem Schuljahr 1938/39 untersagt (18). Adele Kurzweil und ihre Eltern waren zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mehr in Graz, denn auf Grund der Tatsache, dass sie für die Nationalsozialisten als Juden galten und ihnen die wirtschaftliche Existenzgrundlage mit dem Ausschluss des Vaters aus der Rechtsanwaltskammer am 11. Juni 1938 entzogen worden war, hatten sie sich bereits sehr früh um die Möglichkeit einer Ausreise aus dem Deutschen Reich bemüht.


Über Verordnung vom 31. März 1938 wurde Bruno Kurzweil Berufsverbot erteilt.

Es ist nicht bekannt, wie Adele auf diese neue Situation reagiert hatte. Anzunehmen ist allerdings, dass es für sie doppelt schwer gewesen sein muss, als das beschützte und behütete Leben zusammenbrach und sie plötzlich als Außenseiterin angesehen wurde. Sie hatte bislang keinen Bezug zum Judentum gehabt und sah sich nun als Jüdin ausgegrenzt. Dass es an der Schule aber nicht zu antisemitischen Übergriffen gekommen sein dürfte und ihre Mitschülerinnen und auch die Lehrerin ihr beistanden, davon zeugen deren Eintragungen in Adeles Stammbuch aus den Monaten Mai und Juni 1938.


Die Bankkonten der Familie Kurzweil wurden gesperrt.


Zur Vorbereitung für die "Arisierung" jüdischen Vermögens wurde der Stand des Vermögens im April 1938 erhoben.

Nachdem Bruno Kurzweil am 11. Juni 1938 ein Schreiben der Steiermärkischen Rechtsanwaltskammer erhalten hatte, worin ihm mitgeteilt wurde, dass ihm "die Ausübung (seines) Berufes vorläufig untersagt werde", er allerdings noch drei Wochen lang verpflichtet sei, die Rechte der von ihm vertretenen Parteien "vor Rechtsnachteilen zu schützen", dürfte für ihn klar gewesen sein, dass der Zeitpunkt gekommen war, das Land so rasch wie möglich zu verlassen. Dies umso mehr, als bei ihm neben der Tatsache, dass er nun als Jude Berufsverbot hatte, auch noch seine frühere juristische Tätigkeit für die Sozialdemokratie - u.a. auch gegen die Nationalsozialisten - eine Rolle gespielt haben dürfte.

Bruno Kurzweil hatte sich vorerst im Juni 1938 mit dem Gedanken der Ausreise nach Australien getragen, sich aber letztlich doch für Frankreich entschieden, wo zu diesem Zeitpunkt bereits die gesamte Führung der österreichischen Sozialdemokratie versammelt war.
In der Folge ging alles recht rasch; am 6. Juli 1938 unterfertigte er das "Verzeichnis über das Vermögen von Juden nach dem Stand vom 27. April 1938", wonach er neben der Bauparzelle in der Strauchergasse noch Wertpapiere, Spareinlagen und Versicherungspolizzen anführte. Anfang August 1938 suchte er beim französischen Generalkonsulat in Wien um ein Einreisevisum für sich und seine Familie an, am 24. September erhielt die Familie Pässe, worin zwei Tage später vom Finanzamt Graz bestätigt wurde, dass die Familie keine finanziellen Ansprüche mehr habe.


Das theoretische Organ der Sozialistischen Partei erschien seit 1938 im Pariser Exil.

Am 1. Oktober 1938 überschritt die Familie Kurzweil bei Feldkirch in Vorarlberg die Grenze zur Schweiz, von wo sie nach Zürich weiterfuhr. In Zürich erhielt die Familie am 17. Oktober 1938 ein Ausreisevisum nach Paris, wo sie sich am 19. Oktober in 55, rue de Compans offiziell registrieren ließ.

In Paris schloss sich Bruno Kurzweil der "Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten", dem Zusammenschluss der aus Österreich geflohenen Angehörigen der "Revolutionären Sozialisten" und dem aus Prag nach Paris übersiedelten "Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokratie" um Otto Bauer, an. Er wurde auch innerhalb dieser Organisation tätig, indem er in der von der Auslandsvertretung herausgegebenen Zeitschrift "Sozialistischer Kampf" über "Recht unter dem Nationalsozialismus" Aufsätze verfasste (19). Daneben schrieb er sich als Hörer bei der "Alliance Francaise" ein. Gisela Kurzweil absolvierte eine Ausbildung zur Masseurin, die sie mit einem Diplom im Sommer 1939 abschloss. Als um die Weihnachtszeit 1938 in Paris eine "Rote-Falken-Gruppe" namens "Freundschaft" gegründet wurde und sich diese wöchentlich in der Auslandsvertretung traf, gehörte auch Adele dazu. In dieser Gruppe - wie auch in der später in Montmorency bestehenden - waren fast ausschließlich Kinder bekannter österreichischer Sozialdemokraten, die - wie Zeitzeuginnen übereinstimmend aussagten - neben Wanderungen auch Diskussionen über sozialistische Theorie und Geschichte veranstalteten. Diese wöchentlichen Treffen gipfelten im Sommer 1939 in einem einmonatigen Sommerlager in einer Jugendherberge in Plessis-Robinson, einem Vorort von Paris.

Der Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 1. September 1939 in Polen und die darauf folgende Kriegserklärung Frankreichs und Englands hatten auch für die Familie Kurzweil massive Auswirkungen. Während Bruno Kurzweil im Zusammenhang mit der Internierung der "feindlichen Ausländer", wozu auch die österreichischen Flüchtlinge gehörten, in das Lager Meslay-du-Maine kam, wurde Adele mit anderen Jugendlichen direkt vom Ferienlager der "Roten Falken" nach Montmorency verlegt, wo Ernst Papanek ein Heim der jüdischen OSE für Flüchtlingskinder leitete. Obwohl Adele in dem Heim gut aufgehoben war und sie von dort aus die vierte Klasse des Lyzeums besuchte, dürfte sie sich dort - wie ihr Briefwechsel mit ihrer Mutter dokumentiert - nicht wohl gefühlt haben. Ihre Mutter war in Paris allein zurückgeblieben und am Rande des Nervenzusammenbruchs mit einer Reihe von Problemen der Unsicherheit konfrontiert. Aus den Briefen zwischen Adele und Gisela Kurzweil geht unter anderem hervor, dass die Mutter Schwierigkeiten mit der Aufenthaltserlaubnis in Paris hatte, sodass sie immer wieder den Gang zur Präfektur antreten musste, um eine Verlängerung zu erhalten.


Bruno Kurzweil schrieb aus dem Internierungslager an Adele.

Die Situation besserte sich ein wenig, nachdem Bruno Kurzweil im Februar 1940 wieder aus dem Internierungslager entlassen worden war. Er wurde in der Folge innerhalb der "Zentralvereinigung österreichischer Emigranten" aktiv. Nach Angaben von Muriel Buttinger soll er sogar der Sekretär der Vereinigung geworden sein (20). Nachdem im Mai 1940 die deutsche Offensive im Westen mit dem Einmarsch in Holland und Belgien begonnen hatte, beschloss die "Auslandsvertretung österreichischer Sozialisten" auf Anraten des ehemaligen französischen sozialistischen Ministerpräsidenten Leon Blum in den Süden Frankreichs nach Montauban zu gehen. Die Familie Kurzweil erhielt am 9.Juni einen Sauf-Conduit Collectif, einen Passierschein, der ihnen die Reise nach Montauban bis spätestens 20. Juni gestattete. Während sich die Deutschen Truppen Paris näherten, reiste die Familie nach Montauban, wo sie sich am 17. Juni als Flüchtlinge aus Paris registrieren ließen.

Da dieser von Vichy aus regierte - noch unbesetzte - Teil Frankreichs keine Sicherheit und Garantie und auch keine Möglichkeit bot, politisch im Rahmen der Sozialdemokratie aktiv zu sein, entschlossen sich die führenden Funktionäre der Auslandsvertretung so rasch wie möglich Frankreich zu verlassen. Nach deren Abreise in die USA übernahm Bruno Kurzweil gemeinsam mit Josef Müller die "Agenden der Verlassenschaft", wie er in einem Brief an Joseph Buttinger im Oktober 1940 schrieb (21). Ihnen - vor allem jedoch Bruno Kurzweil -gelang es in den folgenden Monaten, für die in Montauban Lebenden sowie für jene, die in den Internierungslagern gefangen waren, durch die Hilfe Buttingers und anderer in den USA bzw. Mexiko Gelder und Ausreisevisa zu organisieren.


Sauf Conduit - Passierschein für Bruno Kurzweil


Muriel Gardiner-Buttinger versuchte von den USA aus Visa für die noch in Frankreich Lebenden zu organisieren.


Registrierung der Familie Kurzweil als ausländische Juden in Montauban

Bruno Kurzweil gelang es aber selbst nicht, sein und das Leben seiner Familie zu retten. Auch wenn eine Aneinanderreihung unglücklicher Umstände (siehe Beiträge in diesem Band) dazu geführt hatten, dass sie am 28. August 1942 verhaftet und nach Auschwitz deportiert wurden, so dürfte doch Bruno Kurzweil die Bedrohlichkeit der politischen Lage unterschätzt haben. Es wäre vermutlich möglich gewesen - wie auch Henry Leichter in seinen Erinnerungen beschreibt (22) - zumindest die Tochter Adele zu retten. Doch Bruno Kurzweil wollte offenbar - auch in falscher Einschätzung des Vichy-Regimes - die Familie zusammenhalten und Adele nicht allein in die USA bzw. zu einem späteren Zeitpunkt nach Mexiko gehen lassen.

Der Grund mag vielleicht darin liegen, dass er als Jurist gewohnt war, sich in Paragraphen und Verordnungen zurecht zu finden. So schien er auch der von Petain proklamierten französischen Souveränität zu Unrecht vertraut und sich damit der todbringenden Illusion von Sicherheit für sich und seine Familie hingegeben zu haben. Daher ist es auch erklärlich, dass er sich und seine Familie im Juli 1941 als Juden hat registrieren lassen und nicht wie andere in die Illegalität abgetaucht ist (23).

Nachdem im Jänner 1942 die Nationalsozialisten auf der "Wannsee-Konferenz" die "Endlösung der Judenfrage" beschlossen hatten, forderte das Deutsche Reich von Frankreich die Auslieferung der Juden. Für die Familie Kurzweil wurde es - wie für Tausende andere auch - zu einem Wettlauf mit der Zeit. Während die rettenden Visa bzw. Passierscheine auf sich warten ließen, kam es im Zusammenhang mit der deutschen Forderung zu Razzien gegen Juden. Nachdem es am 16. und 17. Juli 1942 in Paris zu Razzien gegen Juden gekommen war, bei denen 12.000 ausländische Juden verhaftet wurden, begann Ende August eine große Razzia in der Provinz Tarn et Garonne. Allein am 26. August 1942 wurden neben der Familie Kurzweil, die in Auvillar nahe Montauban verhaftet wurde, noch 170 Personen festgenommen und in das Camp de Septfonds gebracht, von wo alle in der Nacht vom 1./2. September nach Drancy und am 9. September mit dem Transport Nr. 30 nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden.


Telegramm von Muriel Gardiner an Bruno Kurzweil


Marschall Philippe Petain in Montauban, 6. November 1940


Kinder im Hof des Lagers Drancy im Dezember 1942


Selektion bei der Ankunft an der Rampe von Auschwitz

Fast gleichzeitig mit der Deportation der Familie nach Auschwitz begannen sich in Graz verschiedene Ämter für die Familie Kurzweil zu interessieren. Der Grund war, dass Bruno Kurzweil im Juli 1938 in seiner Vermögensanmeldung eine Liegenschaft in der Strauchergasse angegeben hatte. Da er jedoch kurz darauf das Land verlassen hatte, war über den Besitz dieser Liegenschaft bei der Vermögensverkehrsstelle, jener Stelle, die die Arisierung jüdischen Vermögens abwickelte, kein Vorgang vorhanden. Aus diesem Grund wurden Erhebungen eingeleitet, die am B. Dezember 1942 zu folgendem Beschluss führten: "Auf Grund der Aberkennung der Deutschen Staatsangehörigkeit, verlautbart im Deutschen Reichsanzeiger Nr. 286 vom 5. Dezember 1940 und § 3 Abs. 1 der Elften Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941 RGBI 1. S. 722 wird das Eigentumsrecht zugunsten des Deutschen Reiches (Reichsfinanzverwaltung) einverleibt." (24) Mit diesem "behördlichen Vorgang" endet die Spur der Familie Kurzweil.

Anmerkungen:

(1) Biographische Angaben stammen aus verschiedenen Akten aus dem Buttinger-Nachlass im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW 18.882; 18.884: 18.886), dem Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde Graz und den Dokumenten der Familie Kurzweil, die sich in den Koffern fanden und die sich im Archiv des Musée de la résistance et de la déportation in Montauban befinden. Pascal Caïla hat diese Dokumente in einem Dossier zusammengefasst. Pascal Caïla, Bruno, Gisèle et Adèle Kurzweil. Itinéraine d'une famille autrichienne juive 1938-1942, Montauban 1996. Für die Möglichkeit der Einsichtnahme in diese Unterlagen möchte ich mich recht herzlich bedanken.

(2) Grazer Israelitischer Gemeindebote, 1.11.1910.

(3) Eine recht anschauliche Schilderung der Professorenschaft an der Juridischen Fakultät findet sich in den Lebenserinnerungen von Ludwig Biró, Die erste Hälfte meines Lebens. Erinnerungen eines Grazer jüdischen Rechtsanwalts von 1900 - 1940. Hg. v. Christian Fleck, Graz 1998, 91 ff.

(4) Archiv der KF-Universität Graz, Promotionsprotokoll, 4892/72; Staatsprüfungen, Semesterprüfungen.

(5) Muriel Morris Buttinger, Concerning Bruno Kurzweil 1941, in: DÖW, Nachlass Joseph Buttinger (DÖW 18.882/8).

(6) Heinz Mang, Steiermarks Sozialdemokraten im Sturm der Zeit. Graz 1989, 42 ff.

(7) Interview mit Ing. Hans Kern, 4.5.2001.

(8) Sozialdemokratische Hochverratsanzeige gegen Dr. Pfrimer. Ein Heimwehrprozess in Graz, in: Neue Freie Presse, 6.9.1928.

(9) Gerhard Botz, Gewalt in der Politik. Attentate, Zusammenstöße, Putschversuche, Unruhen in Osterreich 1918 bis 1934, München 1976.

(10) Dazu: Bild- u. Tonarchiv: Interview mit Otto Fischer 1977; StLA, LGfStr, Vr 755/33; StLA, Zeitgeschichtliche Sammlung, Korrespondenz Machold, Kurzweil an Machold, 15.7.1933. Ich danke Hans-Peter Weingand für diesen Hinweis. Allgemein dazu auch: Karl Schiffer, Über die Brücke. Der Weg eines linken Sozialisten ins Schweizer Exil, Wien 1988. 75 ff.

(11) DOW 6979 (= Vr 343/34 Standgerichtsverfahren gegen Koloman Wallisch; Amtsvermerk vom 19.2.1934, aus dem hervorgeht, dass Wallisch Kurzweil und Eisler seinen Anwälten bestimmt hatte, beide jedoch inhaftiert waren); zur präventiven Verhaftung auch: Everhard Holtmann, Zwischen Unterdrückung und Befreiung. Sozialistische Arbeiterbewegung und autoritäres Regime in Osterreich 1933-1938, Wien 1978, 93.

(12) Beispielsweise: DÖW 12.882 (= LGfStr Graz Vr 2746137 Verfahren gegen Albin Neubauer und Gen.).

(13) Gudrun Reitter, Die Grazer Israelitische Kultusgemeinde 1908-1938, in: Dieter A. Binder - Gudrun Reiner - Herbert Rütgen, Judentum in einer antisemitischen Umwelt. Am Beispiel der Stadt Graz 1918-1938, Graz 1988, 62 ff.

(14) Heimo Halbrainer (Hg.), Herbert Eichholzer 1903-1943. Architektur und Widerstand. Katalog zur Ausstellung, Graz 1998.

(15) Interview mit Hans Kern, 4.5.2001.

(16) Muriel Morris Buttinger, Concerning Bruno Kurzweil 1941, in: DÖW Nachlass Joseph Buttinger (DÖW 18.882/8).

(17) Zuletzt: Bernd Beutl, Antisemitismus und Judenverfolgung in Graz. Die Zerstörung der Israelitischen Kultusgemeinde 1938 - 1940, in: Stefan Karner (Hg.), Graz in der NS-Zeit 1938 - 1945, Graz 1998, 33.

(18) Erlass Nr. 180: Jüdische Schüler an österreichischen Lehranstalten, 22. Juni 1938, in: Verordnungsblatt für das Schulwesen in Steiermark, Jahrgang 1938, 12. Juli 1938.

(19) Muriel Morris Buttinger, Concerning Bruno Kurzweil 1941, in: DÖW, Nachlass Joseph Buttinger (DÖW 18.882).

(20) Muriel Morris Buttinger, Concerning Bruno Kurzweil 1941, in: DOW, Nachlass Joseph Buttinger (DOW 18.882).

(21) Brief Bruno Kurzweil an Joseph Buttinger, 10.10.1940, in: DÖW, Nachlass Joseph Buttinger (DÖW 18.882).

(22) Henry O. Leichter, Eine Kindheit. Wien - Zürich - Paris - USA. Aus dem Englischen übersetzt von Susi Schneider, Wien - Köln - Weimar 1995. 163.

(23) Als Beispiel seien hier die auch von uns interviewten Familien Speiser oder Stein genannt.

(24) StLA, Vermögensverkehrsstelle Graz, LG 2317.

 
06 heures 49
  09 mars 2021
   S.F.A. Auvillar
DIE ERINNERUNG AN DIE FAMILLE KURZWEIL
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Auvillar, 26. August 1942: Eine Abschiebung beim Morgengrauen

Pascal Caïla:
Der Weg einer sozialdemokratischen und jüdischen Familie aus Österreich 1938-1942

Vorwort
Famille Kurzweil
Von Graz nach Paris:
Die Zeit im Exil
März - Oktober 1938

Paris : Die Zeit der politischen Flucht Oktober 1938 - Juni 1940
Von Paris nach Montauban :
Die Zeit des Auszugs
Juni - August 1940

Montauban :
Die Zeit der Diskriminierung
August 1940 - Mai 1942

Auvillar :
Die Zeit der Ausgangssperre
Mai - August 1942

Epilog: Von Septfonds nach Auschwitz :
Die Zeit der Deportation
August - September 1942

Videos über die Öffnung der Koffer 1990
 Dokumente
Eine Dokumentation über Adele Kurzweil finden Sie im Internet http://adele.kurzweil.site.voila.fr/


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